Littfeld von Osten aus gesehen

Friedrich Wilhelm Bäcker (1858–1940) 
Ein Fotopionier im nördlichen Siegerland

Beitrag von Sven Panthöfer

Neu war die Fotografie im Siegerland um 1900 nicht mehr. Seit 1856 gab es mit dem Optiker Albrecht Melsbach in Siegen das erste Fotoatelier. Er verstarb bereits 1860 und für wenige Monate betrieb seine Frau das Atelier weiter. In den 1860er Jahren betrieben mehrere Fotografen wie Adolph Rhodius, Caspar Theodor Fischer und Carl Huster ein Atelier in Siegen. Später kamen Namen wie Schmeck, Gallas, Siebel und Dietermann hinzu. In Weidenau betrieb Carl Loos ab 1899 ein eigenes Geschäft. [1]

Im nördlichen Siegerland waren vor dem Ersten Weltkrieg lediglich in Hilchenbach professionelle Fotografen mit eigenem Atelier ansässig. Das waren Philipp Krauss, H. Goldbecker, Emil Blasius und Werner Hünerberg. Aber auch Amateurfotografen wie Wilhelm Klappert, Adolf Wesener und Wilhelm Holdinghausen durchzogen die Dörfer und Täler des nördlichen Siegerlandes und fertigten Fotografien und Ansichtskarten an.[2]

Ab etwa 1905 beschäftigte sich Friedrich Wilhelm Bäcker aus Littfeld mit der Fotografie und hielt das Dorfbild, Landschaften und Menschen des Littfe- und Ferndorftals in seinen Fotos fest. Bisher ist wenig über seine Person bekannt. Überliefert sind etwa 550 Glasplatten und einige wenige Dokumente, die er seiner Familie und der Nachwelt hinterließ.[3]

Friedrich Wilhelm Bäcker um 1910

Geboren wurde Friedrich Wilhelm Bäcker am 16. April 1858 in Littfeld. Sein Vater Johann Heinrich war ein Horndrechsler aus dem Dorf; seine Mutter Philippine war ebenfalls in Littfeld geboren und aufgewachsen.1882 heiratete Friedrich Wilhelm Bäcker die aus dem Dorf stammende Emilie Flender. Gemeinsam bekam das Paar zwischen 1883 und 1896 fünf Kinder. Emilie starb bereits 1910 im Alter von 50 Jahren.[4]

Friedrich Wilhelm Bäcker war hauptberuflich als selbständiger Drechsler tätig. Seine Spezialität war die Herstellung von Tabakpfeifen aus afrikanischen Hölzern mit Meerschaumköpfen. Hier entwickelte er eine hohe Kunstfertigkeit, was ihm auch seinen Spitznamen Piffe-Wellm einbrachte. Seinen Kunden verkaufte er neben den Pfeifen auch den passenden Tabak. Des Weiteren betrieb er ein Rahmengeschäft, verkaufte Öldruck-Aquarelle, Kupferstichimitate, reparierte Uhren und Regenschirme. Im Frühling und Sommer betrieb er eine Landwirtschaft und hielt einige Bienenvölker, wie schon sein Vater. Die Dorfbewohner sagten, dass er mit jedem seiner Finger Meister eines anderen Handwerks gewesen sei.[5]

Geschäftsanzeige von Friedrich Wilhelm Bäcker, 1907 (aus: Hans Joachim Schumacher: Vom alten Littfeld, Burgholdinghausen und Kindelsberg, Kreuztal 1987, S. 35)
Die Herstellung von Tabakpfeifen aus afrikanischen Hölzern war die Spezialität Bäckers.

Bäcker muss eine besondere Persönlichkeit gewesen sein: ein freier Mensch, der selbstbestimmt arbeitete und vielseitig interessiert war. Im Hause Bäcker standen neben der Bibel und dem Gesangbuch auch literarische und wissenschaftliche Werke sowie praktische Ratgeber im Bücherregal. Ab etwa 1910 war Bäcker Teilnehmer eines dörflichen Kulturkreises, der sich einmal wöchentlich samstagnachmittags in einer Waldhütte außerhalb des Dorfes traf, um über Beobachtungen in der Natur, am Sternenhimmel und Fragen des Glaubens zu sprechen. Teil eines jeden Treffens waren die Literaturlesung und der Austausch darüber. Der Kulturkreis war von einem Lehrer initiiert, der einige Gleichgesinnte um sich versammelte. Es waren Handwerker, wie Friedrich Wilhelm Bäcker, aber auch Landwirte, Bergleute und untere Grubenbeamte. Friedrich Wilhelm Bäcker interessierte sich besonders für astronomische Dinge. Fünfzig Jahre später erinnerte sich ein Teilnehmer – es war vermutlich der Heimatschriftsteller und Lehrer Adolf Wurmbach – daran, dass Bäcker zu manchen Dingen eine sehr eigene Meinung hatte, die wissenschaftlichen Erkenntnissen widersprach. Aber er vermochte es, dem Kreis der Zuhörer seine Ansichten fesselnd und zum Nachdenken anregend zu vermitteln. Höhepunkt einer jeden kulturellen Zusammenkunft war die Literaturlesung des Lehrers. Er las keine literarischen Neuerscheinungen, sondern volkstümliche Erzählungen aus dem 19. Jahrhundert. Etwa 35 Jahre lang bis ca. 1945 traf sich der Kreis. Bäcker war bereits 1940 verstorben, weitere Teilnehmer starben ebenfalls in dieser Zeit. Der Lehrer war noch in den letzten Kriegstagen bei Kämpfen im Dorf schwer verletzt worden.[6]

Das Dorf Littfeld um 1910

Für Bäckers fotografisches Schaffen war sein Wohn- und Arbeitsort Littfeld von zentraler Bedeutung. Von hier und aus dem benachbarten Burgholdinghausen stammen die meisten überlieferten Ortsansichten und Portraitfotos der Bewohner.

Littfeld von Osten aus gesehen

Littfeld war schon früh vom Bergbau geprägt und vor der Industrialisierung zeitweise die einwohnerstärkste Siedlung des Siegerlandes nach Siegen; bis 1871 die einwohnerstärkste Gemeinde im Amt Ferndorf vor Ernsdorf, Buschhütten und Ferndorf.[7] Um 1910 hatte der Ort 1130 Einwohner und bestand aus 195 Häusern. Die große Mehrheit der Bevölkerung war evangelisch, etwa sechs Prozent der Bevölkerung waren katholisch sowie zwei Familien jüdischen Glaubens.[8] Der Ort verfügte über eine Postagentur, einen Bahnhof auf der Eisenbahnstrecke Hagen – Siegen und eine evangelische Schule. Der sonntägliche Gottesdienst fand im Nachbarort Krombach statt. Jeweils etwa ein Viertel der berufstätigen Menschen arbeitete als Arbeiter, Handwerker oder im örtlichen Bergbau. Das restliche Viertel setzte sich aus hauptberuflich tätigen Landwirten, Kaufleuten und Beamten zusammen.[9] Die wichtigsten Arbeitgeber waren die drei großen Grubenbetriebe Altenberg, Heinrichsegen und Victoria. Daneben gab es zwei Sägemühlen, eine Getreidemühle, eine Zementwarenfabrik, eine Molkerei und kurzzeitig eine Strickwarenfabrik. Für die Versorgung des Dorfes sorgten vier Bäckereien, drei Geschäfte für Lebensmittel und Textilien, vier Gastwirtschaften und zwei Metzgereien; letztere wurden von der jüdischen Familie Meier betrieben. Weitere Vereine waren der Kriegerverein, der Schützenverein, der Turnverein und der Männergesangverein. Innerhalb dieses dörflichen Mikrokosmos‘ und der Nachbardörfer gab es für Bäcker und sein Fotografenhandwerk ein breites Betätigungsfeld und auch die Möglichkeit, mit der Fotografie immerhin ein kleines zusätzliches Einkommen zu erwirtschaften.

Bäckers Fotografie

Wann und wie Friedrich Wilhelm Bäcker mit der Fotografie in Berührung gekommen war, ist unbekannt. Eine Datierung seiner Schaffenszeit ist anhand seiner von ihm herausgegebenen Postkarten möglich: Erste Aufnahmen veröffentlichte er um 1907. Bis etwa 1920 gab er mehr als 30 verschiedene Motive aus den Dörfern des nördlichen Siegerlandes heraus. Meist waren es Ansichten aus den Dörfern Burgholdinghausen, Littfeld und Krombach, Motive aus dem Littfelder Grubental und von den dortigen Bergwerken sowie vom Kindelsbergturm.

Auswahl der von Friedrich Wilhelm Bäcker herausgegebenen Postkarten (Sammlung des Verfassers) © Sven Panthöfer

Die Motive auf den überlieferten Glasplatten sind zahlreich und verschiedenen Genres zuzuordnen: Den Schwerpunkt seiner Arbeit bildete das Anfertigen von Familienfotos in den unterschiedlichsten Konstellationen. Sie zeigen die klassische Familie, bestehend aus Eltern und Kindern, oftmals ergänzt durch Personen einer weiteren Generation. Während der Zeit des Ersten Weltkriegs erlebte die Fotografie einen besonderen Boom. Ganze Familien ließen vor der Einberufung der Männer an die Front Erinnerungsfotos erstellen oder Frauen ließen sich später mit ihren Kindern fotografieren, um die Aufnahmen an den Mann und Vater an der Front zu senden. Das Fehlen der Männer auf zahlreichen Fotos legt diesen Schluss nahe.

Familie Fick, Littfeld
Mutter mit vier Kindern

Ein weiteres Genre ist das klassische Portraitfoto. Männer und Frauen ließen sich damit in Kriegs- und Friedenszeiten als Andenken für die Familie, Freunde und Bekannte festhalten. Darunter fallen auch zahlreiche Portraits, Doppelportraits und Gruppenfotos von Kindern und Jugendlichen, die im Auftrag der Eltern erstellt wurden und ebenfalls als Andenken oder zur Zeit des Krieges zum Versand an die Front vorgesehen waren.

Portrait von Friedrich Bäcker
Portrait einer Frau im Garten

Ein besonderer Bestand von Portraitfotos ist eine Sammlung von mindestens 85 einzelnen Portraitaufnahmen und zwei Gruppenaufnahmen. Sie zeigen Kriegsgefangene der Alliierten, die während des Ersten Weltkriegs vermutlich auf der Grube Victoria in Burgholdinghausen als Arbeitskräfte eingesetzt wurden. Die Fotografien zeigen mehrheitlich französische, russische und britische Kriegsgefangene. Unter den französischen Armeeangehörigen befanden sich in Burgholdinghausen auch französische Kolonialinfanteristen aus Algerien, sogenannte Zuaven. Bäcker portraitierte die Männer überwiegend in ihren eigenen Uniformen, teils mit angesteckten Orden. Die Mehrheit der Männer hielt Zigaretten oder Zigarren zwischen ihren Fingern. Vermutlich wollten sie damit ihren Angehörigen in der Heimat signalisieren, dass es ihnen in der Gefangenschaft verhältnismäßig gut erging. Für Friedrich Wilhelm Bäcker stellten die Kriegsgefangenen und ihr Wunsch, ein Foto nach Hause zu senden, eine attraktive Einnahmequelle dar.

Mehr zu den Kriegsgefangenenportraits: https://zeitspuren-siwi.de/1915_pv_kriegsgefangene.html

Portrait eines kriegsgefangenen französischen Kolonialinfanteristen aus Algerien, sogenannter Zuave
Portrait eines französischen oder belgischen Kriegsgefangenen

Die überlieferten Gruppenfotos sind sehr vielschichtig und bilden ein reiches gesellschaftliches Dorfleben ab. Die Fotos zeigen sowohl Gruppen von Vereinen, wie den Tambourcorps des Littfelder Turnvereins, den Krombacher Stenografenverein oder den kirchlichen Posaunenchor. Im privaten Bereich sind es Hochzeitsgesellschaften, befreundete Familien beim sonntäglichen Spaziergang, Gruppen befreundeter Männer und/oder Frauen oder eine Jagdgesellschaft mit ihrer erlegten Strecke, die Bäcker fotografisch festhält. Der Krieg und seine Auswirkungen in der Heimat manifestiert sich in Gruppenfotos von Soldaten vor dem Einrücken ins Feld oder von genesenden Soldaten gemeinsam mit Pflegekräften des Krombacher Lazaretts im Lutherhaus. Als klassische Form des Gruppenfotos gilt das Foto der Schulklasse. Hier hat sich eine Aufnahme der Littfelder Volksschule aus dem Jahr 1919 erhalten.

Mitglieder des Tambourcorps des Turnvereins "Hoffnung" Littfeld
Jagdgesellschaft mit erlegter Strecke
Drei Mütter mit ihren Töchtern

Einer der Schwerpunkte seiner fotografischen Arbeit lag in der Landschaftsfotografie. Hier nutzte er die Totale, um Dörfer und Landschaften in ihrem Gesamtzusammenhang zu zeigen. Sein räumlicher Schwerpunkt lag in Burgholdinghausen, dem dortigen Grubental, um den Kindelsberg herum, in Littfeld und Krombach. Aus Eichen, Kreuztal, Ferndorf, Dahlbruch und Altenhundem haben sich einzelne wenige Aufnahmen erhalten. Bei einigen Fotos stellte er den künstlerisch-ästhetischen Aspekt in den Vordergrund und fing beispielsweise das Spiel von Licht und Schatten in einem Laubwald oder das kontrastreiche Gewirr von Ästen vor einem Teich ein. Gerne und häufig wählte Bäcker Landschaftsmotive mit Wasserspiegelungen von Teichen, wie beispielsweise am Burgholdinghauser Kleff-Teich.

Blick auf Dahlbruch mit Gebäuden der Maschinenfabrik Gebr. Klein, heute sms group GmbH
Blick auf Dahlbruch mit Gebäuden der Maschinenfabrik Gebr. Klein, heute sms group GmbH
Das Littfelder Grubental mit der Aufbereitung der Grube Altenberg und Heinrichsegen (unten), der Aufbereitung der Grube Victoria (Mitte) und dem Schacht der Grube Victoria (oben).
Das Littfelder Grubental mit der Aufbereitung der Grube Altenberg und Heinrichsegen (unten), der Aufbereitung der Grube Victoria (Mitte) und dem Schacht der Grube Victoria (oben).
Blick auf Ferndorf von Südosten
Blick auf Ferndorf von Südosten
Spiegelungen am Kleff-Teich in Burgholdinghausen. Links das Haus des Grubendirektors Franz, rechts das 1797 von dem Juden Benjamin Moses errichtete Fachwerkhaus, damals von der Familie Stöcker bewohnt. Das Haus steht heute im LWL-Freilichtmuseum Detmold.
Spiegelungen am Kleff-Teich in Burgholdinghausen. Links das Haus des Grubendirektors Franz, rechts das 1797 von dem Juden Benjamin Moses errichtete Fachwerkhaus, damals von der Familie Stöcker bewohnt. Das Haus steht heute im LWL-Freilichtmuseum Detmold.

Einen detaillierteren Blick in die Dörfer des nördlichen Siegerlandes erlauben die Fotos von einzelnen Häusern oder Straßenzügen. In einigen Fällen portraitierte Bäcker die Familie der Auftraggeber vor ihrem Wohnhaus oder fotografierte das Bürogebäude eines Ingenieurbüros und Bauunternehmens, das Gebäude einer Strickwarenfabrik mit Belegschaft oder eine Gastwirtschaft, um daraus werbewirksame Postkarten oder anderweitig zu verwendende Aufnahmen zu erstellen.

Wohnhaus des Lederfabrikanten Friedrich Ising in Krombach
Strumpfstrickerei des Schmallenberger Unternehmers Salomon Stern in Littfeld. Der Betrieb bestand von 1908 bis 1911.
Familie Nau vor ihrem Wohnhaus in Littfeld

Wenige Fotos zeigen Motive aus dem Bereich der Industrie und des Handwerks. Hierbei wird es sich um klassische Auftragsarbeiten gehandelt haben, um zum Beispiel den Bau einer Wassergewinnungsanlage oberhalb des Eichener Walzwerks für den ausführenden Bauunternehmer festzuhalten. Ebenso dürfte das Foto von Walzwerksarbeitern einzuordnen sein.

Bau einer Wassergewinnungsanlage oberhalb des Eichener Walzwerks, Eichen
Walzwerksarbeiter, vermutlich des Eichener Walzwerks, Eichen

Friedrich Wilhelm Bäcker und Adolf Wurmbach

Der im Siegerland bekannte Heimatschriftsteller und Lehrer Adolf Wurmbach wurde 1891 in Littfeld geboren. Spätestens über den an anderer Stelle erwähnten Kulturkreis dürften sich Bäcker und Wurmbach ab etwa 1910 näher kennengelernt haben. Denn bis zu seiner Einberufung in den Ersten Weltkrieg wohnte Wurmbach in seinem Littfelder Elternhaus. Mit dem Ende des Krieges und dem Abschluss seiner Ausbildung zum Lehrer am Hilchenbacher Seminar erhielt er 1920 seine erste Lehrerstelle in Gelsenkirchen. 

Adolf Wurmbach, Littfeld um 1912
Adolf Wurmbach in Uniform, Littfeld um 1914

Der Kontakt zu seinem Heimatdorf, dem er sich in seiner Dichtung stark verbunden fühlte, riss auch während seiner Zeit im Ruhrgebiet und ab 1943 in Wadersloh bei Beckum nicht ab. Nach dem Krieg gelang es ihm, in das Siegerland zurückzukehren und eine Lehrerstelle im Nachbarort Krombach zu erhalten, wo er bis zu seiner Pensionierung 1957 unterrichtete. Bis zu seinem Tod 1968 wohnte Wurmbach in Krombach.

Wurmbach bewunderte das vielseitige Interesse, die Handwerkskunst und das große Wissen von Friedrich Wilhelm Bäcker. Er flocht Bäcker als den „Drechslermeister“ in einige wenige seiner Erzählungen ein. 

Die Erzählung „D’r Pfiffikus“ von Adolf Wurmbach, Siegener Zeitung, 16. Januar 1937
Die Erzählung „D’r Pfiffikus“ von Adolf Wurmbach, Siegener Zeitung, 16. Januar 1937

1937 widmete er Bäcker die mundartliche Erzählung „D’r Dorffiffikus“, die in der Siegener Zeitung erschien. Darin stellte Wurmbach die Handwerkskunst Bäckers dar, die darin bestand, kunstvolle Tabakpfeifen auf der Drehbank herzustellen, die Wanduhren im Dorf zu reparieren oder aus Ochsenhörnern die sogenannten Schlocker, einen Köcher für den Wetzstein der Sense, herzustellen. Wurmbach erwähnte, dass Bäcker es mit all seinem Fleiß und Gewissenhaftigkeit „nur zu einem zufriedenen Gemüt und einem ehrlichen Namen“ gebracht habe.[10] Im Zusammenhang mit der Bezeichnung als Pfiffikus, die man auch despektierlich als Schlaumeier oder Schlauberger auffassen konnte, scheint die Erzählung bei der Littfelder Bevölkerung für Unbehagen gegenüber Wurmbachs Schilderung von Bäcker geführt zu haben. Vermutlich sorgten diese Umstände für einen Bruch in der Beziehung der beiden Männer. Zum Tod Friedrich Wilhelm Bäckers am 28. Dezember 1940 schrieb Wurmbach einen Kondolenzbrief an Bäckers Sohn Richard.[11]

Kondolenzenzbrief von Adolf Wurmbach an Richard Bäcker und Familie auf Siegerländer Platt, 31. Dezember 1941; Familie Bäcker, Kreuztal-Littfeld

Übertragung ins Hochdeutsche:

                                                              Gelsenkirchen, am 31. Dezember 1940. 
                                                               Wilhelm-Ehrlich-Strasse 60/I.

Lieber Richard, 
ich bekam heute Morgen die Nachricht, dass Euer Vater gestorben ist. Du
bist vielleicht der Einzige, der weiß, was mir dieser Mann im Leben ge-
wesen ist. Ich möchte nun nicht viele Worte darüber machen, weil mir im
Augenblick nicht danach zumute ist. Aber das eine will ich Dir sagen, es
ist mir nämlich eine große Überwindung gewesen, an Eurem Haus vor-
über zu gehen und nicht reinzukommen, seitdem so etwas wie ein kleines Miss-
verständnis zwischen uns getreten war. Es war ja gar nicht einmal der
Rede wert, und es waren mehr die dummen Leute, die dem Vater meine Worte
in der Zeitung, Du weißt ja, was ich meine, verdreht hatten. Der Va-
ter hatte das richtig verstanden, dazu war er viel zu klug. Und
ich weiß auch, dass er mir im Herzen nicht böse gewesen ist. Aber mir hat
das leid getan, dass ihm die Leute solche Unannehmlichkeiten wegen mir machten.
Ich aber habe ihn keinen Augenblick anders gesehen, als ich ihn immer
gesehen habe, und ich habe zu ihm aufgesehen mit der Ehrfurcht, die man dem
Alter nicht allein, die man der Weisheit schuldig ist, die mir immer
von neuem und immer in anderer Gestalt in Eurem Vater begegnete.
Und so und nicht anders soll er lebendig bleiben und weiter leben
in mir. Er wird nicht nur von mir, er wird auch von anderen vermisst werden,
ich weiß das.
In diesem Sinn drücke ich Dir, Deiner Frau und deinen Kindern und all denen,
die um ihn trauern die Hand.
                                                 Ludwijes Adolf[12]

Nachklang

Um 1920 schien Bäcker die Fotografie aufgegeben zu haben. Er starb am 28. Dezember 1940 im Alter von 82 Jahren. Sehr wahrscheinlich durch die Vermittlung Adolf Wurmbachs gelangten nach dem Tod Friedrich Wilhelm Bäckers mehrere hundert Glasplatten-Negative mit Aufnahmen der Grubenbetriebe des Müsener Reviers zum Verlag Vorländer nach Siegen. Ob eine Veröffentlichung geplant war oder die Aufnahmen zunächst gesichtet werden sollten, ist unbekannt. Der in Siegen verwahrte Negativbestand wurde beim Luftangriff auf Siegen am 16. Dezember 1944 zerstört und gilt als verloren.[13]

Im Wohnhaus der Familie Bäcker in Littfeld haben sich etwa 550 Glasplattennegative erhalten. Sie zeigen überwiegend Portraits sowie Dorf- und Straßenansichten aus den Dörfern des Littfe- und Ferndorftals. Mit der Herausgabe von bebilderten Heimatbüchern ab den späten 1970er Jahren wuchs das Interesse an den Dorfansichten und Gruppenfotos. Einige Motive wurden in den Büchern veröffentlicht, sind aber aufgrund fehlender Bildnachweise Bäcker nicht zuzuordnen, ohne die einzelnen Motive mit dem Glasplattenbestand abzugleichen.[14] Die zahlreichen Portraitaufnahmen meist unbekannter Menschen blieben ein unbeachteter Teil des Werks Bäckers. 2014 hatte der Verfasser im Zuge einer Recherche für das LWL-Freilichtmuseum in Detmold die Gelegenheit, den gesamten noch erhaltenen Glasplattenbestand zu sichten. Er erkannte den Wert der Portraitaufnahmen und setzte sich für die Digitalisierung, Öffnung und Erhaltung des Bestands ein. Mit Zustimmung der Familie Bäcker wurde der fotografische Nachlass 2017 in das Stadtarchiv Kreuztal überführt und bearbeitet. Dort wird er als einzigartige Quelle aus der Zeit um den Ersten Weltkrieg aufbewahrt und steht der Öffentlichkeit zur Nutzung zur Verfügung.

Anmerkungen

[1] Dieter Pfau: Otto Arnold und die Siegener Lichtbildstelle. Ein Beitrag zur Geschichte der Fotografie in Stadt und Kreis Siegen, in: Von Siegen aus: Fotografische Streifzüge durch Kulturlandschaft und Arbeitswelt / Otto Arnold, Köln 2024, S. 24–37, hier. S. 25f. und Georg Hackstein: Historische Fotografie im Siegerland, Siegen 1995, S. 11-17.

[2] ebenda.

[3] Ende der 1970er Jahre und in den 1980er Jahren erschienen einige Fotos von Bäcker in regionalgeschichtlichen Bildbänden zu den Dörfern innerhalb der heutigen Stadt Kreuztal. Einzig Hans Joachim Schumacher erwähnte Friedrich Wilhelm Bäcker in seinem Buch Vom alten Littfeld, Burgholdinghausen und Kindelsberg, Kreuztal 1987, S. 34 f.

[4] Siegener Zeitung vom 16.4.1910.

[5] Erzählung von Adolf Wurmbach: D’r Dorffiffikus, in: Siegener Zeitung vom 16. Januar 1937.

[6] o. V. [vermutlich Adolf Wurmbach]: Ein dörflicher „Kulturkreis“ vor 50 Jahren, in: Siegerländer Heimatkalender 1960, S. 71 f.

[7] Dieter Pfau: Die Geschichte der Juden im Amt Ferndorf (1797–1943), Bielefeld 2012, S. 20f.

[8] Hans Joachim Schumacher: Das alte Littfeld, Kreuztal 1986, S. 12.

[9] Adressbuch der Stadt und des Kreises Siegen, Ausgabe 1910/11, S. 513ff.

[10] Erzählung von Adolf Wurmbach: D’r Dorffiffikus, in: Siegener Zeitung vom 16. Januar 1937.

[11] Brief im Besitz der Familie Bäcker, Kreuztal-Littfeld.

[12] Übertragung des mundartlich verfassten Briefes ins Hochdeutsche durch den Verfasser.

[13] o. V. [vermutlich Adolf Wurmbach]: Bergstille, in: Siegerländer Heimatkalender 1961, S. 59–61.

[14] Beispielsweise Trutzhart Irle: Das alte Siegerland, Gummersbach 1978, S. 87 und 171; Heinrich Afflerbach: Kreuztal in alten Bildern. Ein Bildband vom alten Amt Ferndorf, Gummersbach 1980, S. 17, 19, 21, 22, 23, 25, 27–29, 31, 46, 52, 55, 61 und 106.

Die in diesem Beitrag gezeigten Fotos von Friedrich Wilhelm Bäcker werden im Stadtarchiv Kreuztal aufbewahrt.

Kontakt zum Verfasser

panthoefer@das-geschichtsbuero.de